Chronik 1919-1994

Im Jahre 1919, kurz nach dem 1. Weltkrieg - eine Zeit, wo viele Bienenstände verwaist waren, gaben einige Bienenzüchter aus Kirchhain und Umgebung in der "Kirchhainer Zeitung" folgende Anzeige auf:

"Bienenzüchter des Kreises Kirchhain werden gebeten, Sonntag, den 16. März 1919, nachmittags 15.00 Uhr im Bahnhofshotel zu Kirchhain sich einzufinden zwecks Gründung eines Bezirksvereins mit Anschluss an den Verband hessischer Bienenzüchter.
Die Einberufer"

Auf Grund dieser Anzeige erschienen am 16. März 1919 26 Bienenzüchter und gründeten den "Bezirksbienenzuchtverein Kreis Kirchhain".
Alle 26 Versammlungsteilnehmer traten dem Verein bei. 12 Bienenzüchter, die bereits dem Marburger Verein angehörten, meldeten sich um. Durch weitere 10 Anmeldungen stieg die Mitgliederzahl auf 36.

Nach erfolgter Wahl setzte der erste Vorstand sich wie folgt zusammen:
1. Vorsitzender: Karl Dowe, Kirchhain
2. Vorsitzender: Ernst Hüttel, Kirchhain
Schriftführer: Georg Scholl, Kirchhain
Schatzmeister: Heinrich Götte, Kirchhain

Mit der Ausarbeitung einer Satzung wurden beauftragt:
Lehrer Schick aus Rüdigheim,
Lehrer Schick aus Stausebach und
Landeswegemeister a.D. Scholl aus Kirchhain.

Der Vereinsbeitrag wurde jährlich auf 3,--Mark und 50 Pfennige für die Haftpflicht festgesetzt.

Für die nächste Versammlung, die bereits schon am 6. April 1919 stattfand, wurde Herr Oberpostkassenbuchhalter Ritter aus Cassel eingeladen, der einen Vortrag über das Wirken und Schaffen des Verbandes hessischer Bienenzüchter, Cassel hielt. Er erklärte, der Verband sei mit 400 Mitgliedern ins Leben gerufen und zähle bereits jetzt schon 2.500 Mitglieder.

In dieser Versammlung wurde über die schlechte Zuckerbeschaffenheit lebhaft Klage geführt "indem derselbe bei Auflösung einen starken Schmutzansatz hinterlässt und die ganze Lösung wie eine richtige Lehmbrühe aussieht, wodurch die Herbstfütterung erschwert und die Bienen an diese Kriegskost nicht zu gewöhnen sind".

Ein immer wiederkehrendes Hauptproblem war sowieso der jährliche Zuckerbezug, der über den Verein getätigt wurde. Wie ein roter Faden zog sich dieser durch die jährlichen Versammlungen, bis die staatliche Steuerbegünstigung und Zuckervergällung wegfiel.
Bis zur Versammlung am 18. Mai 1919 hatten sich weitere 51 Mitglieder angemeldet, sodass der Verein innerhalb kurzer Zeit 87 Mitglieder zählte.

Die November-Versammlung, die bereits angekündigt war, musste ausfallen.

Zitat aus dem Protokoll:
"Die für den 23. November 1919 angesetzte Versammlung musste wegen zu schwacher Beteiligung
ausfallen: Grund hoher Schneefall, starkes Schneetreiben und vollständige Ruhe des
Eisenbahnbetriebes wegen Kohlemangel".

Die damaligen schlechten Verkehrsmöglichkeiten für die Imker, nach Kirchhain in die Versammlungen zu kommen, zwangen den Vorstand, Wanderversammlungen - jeweils in einer anderen Ortschaft - durchzuführen.
Wenn man Protokoll für Protokoll nachliest, dann kommt man zu der Feststellung, dass die damalige Imkergeneration eine echte Pionierarbeit geleistet hat; denn die Imker haben einen Umbruch in der Bienenhaltung mitgemacht. Sie sind dem Ruf der damaligen Bienenexperten und Bieneninstitute
gefolgt. Sie haben umgestellt vom Bienenkorb zur Bienenbeute.

Sie haben mit einer neuen Zuchtlinie begonnen, und zwar haben sie unsere heimische Biene, die Nigra (Apis mellifera mellifera), die durch die eingeführten schwarmlustigen Italiener-Bienen (Apis mellifera ligustica) stechlustige Bastarde geworden waren, umzuweiseln begonnen auf die sanftmütige Carnica (Apis mellifera carnica), mit ihren guten, für unsere Verhältnisse besseren Eigenschaften. Eine vereinseigene "Carnica-Königinnenzucht" zu betreiben, war bereits schon 1961 das Ziel des damaligen 1. Vorsitzenden, Herrn Otto Schröder und Herrn Wilhelm' Hausmann, Stadtallendorf. Der allzu frühe Tod von Herrn Schröder machte diesem Wunschdenken vorerst ein Ende.

Als dann 1963 Herr Karl Georg Riehl aus Neustadt zum 1. Vorsitzenden gewählt wurde, nahm unser Verein einen neuen Aufschwung, und so konnte dann im Frühjahr 1965 die Belegstelle "Kirchenseif', seinerzeit von den Herren Schröder.und Hausmann im Herrenwald geortet, ins Leben gerufen werden.
Da diese Belegstelle den DIB-Richtlinien nicht entsprach, wurde 1972 auf Anraten von Bienenzuchtberater, Herrn Nikolai Petersen, die Belegstelle auf 10 Zuchtvölker erhöht und in eine Muttertierstation "Herrenwald" umfunktioniert.

Die Imkerfreunde Wilhelm Hausmann und Christoph Winkler betreuten von Anfang an die Muttertierstation und haben nachweisbar von 1973 bis 1991 insgesamt 2.761 unbegattete Königinnen und 2.242 begattete Königinnen an Vereinsmitglieder und über unser Vereinsgebiet hinaus fast in alle Bundesländer abgegeben.

Auch wurden 262 Anbrüter mit Zuchtstoffversorgt.
In den letzten 16 Jahren wurde von den 10 Zuchtvölkern der Muttertierstation ein jährlicher Durchschnitt von 45,5 kg Honig pro Volk geerntet.
Die doch recht positive Entwicklung der Muttertierstation und dass eine so gute Carnica-Biene mit den Merkmalen wie Sanftmut, Schwarmträgheit und gutem Honigertrag dort gezüchtet werden konnte, ist allein zurückzuführen auf die instrumentelle Besamung der Zuchtmütter mit ausgelesenem
Zuchtmaterial vom Bieneninstitut in Kirchhain - in Absprache mit Herrn Dr. Maul.

Die Begattung von Königinnen auf der mit guten Vatervölkern bestückten Belegstelle "Katzenbach", die uns von den Marburger Imkerfreunden zur Verfügung gestellt wurde, brachte ebenfalls gute Ergebnisse.
Ab 1991 wurde unsere Muttertierstation "Herrenwald" in die Interessengemeinschaft "Carnica" Kirchhain(Marburg integriert, die in einem Artikel in dieser Zeitschrift auf sich aufmerksam macht.
Am 23. Februar 1975 wurde in einer außerordentlichen Generalversammlung dem Wunsch des Nachbarvereines "Imkerverein Wolferode-Rauschenberg", mit uns zu fusionieren, entsprochen. Der Beschluss wurde einstimmig gefasst. Der 1. Vorsitzende, Herr Heinrich Bossenberger, wurde in den
Vorstand als Obmann für Bienengesundheitswesen übernommen. Unser Verein konnte somit seine Mitgliederzahl um 25 auf insgesamt 132 Mitglieder erhöhen.

Weiterhin ist zu bemerken, dass unser Verein von 1919 bis heute bestrebt war, seine Mitglieder in punkto "Biene" immer auf dem laufenden zu halten. So haben auch die vielen Fachvorträge der Bienenexperten in den Monatsversammlungen und bei den Imkertreffs zu einem gewissen Schulungseffekt in unserem Verein beigetragen.

Auch die Präsenz des Bieneninstitutes in Kirchhain hat sich günstig auf die Weiterentwicklung unseres Vereines und auf den imkerlichen Wissensstand unserer aktiven Imker ausgewirkt.

Unser Verein hat derzeit 3 Ehrenmitglieder, und zwar:
Erich Finger, Anzefahr,
Ernst Monzin, Schweinsberg,
Heinrich Bieker III, Rüdigheim
und 119 Mitglieder, die insgesamt 1.261 Bienenvölker betreuen.

Aus der Jubiläumsschrift zum 75. Vereinsjubiläum am 16./17. April 1994.